Fritsch und Chétouane im Schauspiel Köln

Montag, 30. Januar 2012

Das Beste war der Schlussapplaus. Die bunten, blassgesichtigen Schauspielerfigurinen werden von der Gruppe einzeln aus dem Pulk nach vorne geschoben, an die Rampe, stolpernd, fallend, schleichend. Es sind Figuren einer Applausordnung, komisch, übertrieben, Finger in die Luft reckend, jubelnd, schüchtern oder auch gespielt schüchtern, mit großer Geste, Handküsse werfend, auf die nicht vorhandene Galerie winkend – 10 Minuten Schlussapplaus, eine tolle Nummer, die zum lachen reizt und für einen Moment fast vergessen lässt, was für zwei Stunden überdrehter Langeweile hinter den Zuschauern liegen.

Charly Hübner habe ich gesehen, Anja Laïs – ich sehe sie immer wieder gerne auf der Bühne. Was ich nicht gesehen habe, ist alles was ich hätte sehen können, eine Annäherung, Schauspielerei, eine Geschichte, einen Text, Differenzen, Spannung, Brecht, ein Stück, ‘Puntila und sein Knecht Matti’. Aber die Erwartungshaltung, einen erfüllenden Theaterabend erleben zu können ist im Stadttheater auf einen ähnlichen Stand gesunken, wie die Erwartung, den FC noch einmal um die Meisterschaft spielen zu sehen. Der Unterschied: Das Theater wird trotzdem zum Spitzenreiter gemacht.

Es scheint schon zur Voraussetzung, zum Ritual zu gehören, das Publikum leiden zu lassen, um Rezensenten und Juroren zu befriedigen. Folge: Zäh und nervtötend, immer wieder, immer wieder, immer wieder und wieder, alle Erwartungen über egomanische ‘Regie-Talente’, die mehr und mehr Regiestühle deutscher Theater besetzt halten, mehr und mehr bestätigt zu sehen. Fritsch bleibt das frisch gehypte Talent, weil Ex-Schauspieler, Ex-Castorf, Ex-Verkrachter, Ex-Weggänger, Ex-Provinz-Regisseur. Er bietet eine Geschichte, die skandalisiert, die ihn zur Marke macht. Er drückt seine Regieschablone auf jedes Stück. Ein bisschen Struwwelpeter, ein bisschen Comic, so entdeckt und wiedererkannt, wird er zum Theatertreffen eingeladen (natürlich) – und schließlich im Theater des Jahres auf das Kölner Publikum losgelassen.

Pausenlose Bewegungs-Choreografie, hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen, Jacke gleiten lassen, Hose auch, rutschen, zittern, fallen, schlängeln, alles von Klaviermusik begleitet, ohne Stillstand, ohne Rhythmus, Karikatur einer Karikatur, verzerrte Figuren, die in kein Stück passen, oder in jedes – wie die Posen für den Schlussapplaus. Körperlichkeit ohne Sinn, Schminke ohne Gesicht, Text ohne Bedeutung, genuschelt, skandiert, das ganze Programm. Schauen wir uns die Bilder anderer Inszenierungen von Herrn Fritsch an, dann fällt auf: Dieser Regisseur richtet jedes Stück auf die gleiche Weise hin.

Einen Tag später: Ein anderer Regisseur, der auch immer auf die gleiche Weise arbeitet, eine andere Regie-Marke – Chétouane – richtet den nächsten großen Autor hin, diesmal Kleist. Im Gegensatz zu Fritsch geschieht das in der Halle Kalk kraftlos, in Zeitlupe, gedehnt. In weiße Trikots gesteckt, gehen, traben, laufen die Schauspieler, wie Marionetten über die Bühnenfläche vor (natürlich) einer Videoprojektion, schauen sich entweder bedeutungsschwanger an, oder reden vor sich hin. Eine E-Gitarre wird zum kreischen gebracht, pausenlose Bewegungs-Choreografie, hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen, Jacke gleiten lassen, Händchen in die Höh’, Text zerlegen, zerlabern, Ärmchen in die Höh’, halbherzig, wenn im Text jemand niedersinkt, dann sinkt der Schauspieler nieder, halbherzig, um sofort wieder aufzustehen, die Händchen zu heben und weiter zu gehen. Langeweile, zäh, quälend. Wie schon ‘Dantons Tod’ unter Endlosschleifen von Fingerübungen unkenntlich blieb, so wurde auch das ‘Erdbeben in Chili’ zwischen Turnübungen erstickt. Die Frage muss erlaubt sein: Warum lässt eine Intendantin solche Regisseure überhaupt inszenieren? Zwei Stunden auf eine leere Bühne schauen zu dürfen, wäre spannender gewesen.

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Das Theater am Sachsenring besteht seit 25 Jahren

“(…) Honnen und Knipp (die Gesellschafter) werfen einen Blick zurück auf ein Vierteljahrhundert erfolgreicher Arbeit. ‘Wir haben gewagt und gewonnen!’ freut sich Knipp. Genau am 21. Januar 1987 haben die Partner den Mietvertrag für das TaS unterschrieben.

Start mit starker Mischung

Knipp hatte dort schon im Jahr zuvor mit seinen ‘Zinnober’-Kollegen Albrecht Zummach und Clemens Dreyer das Programm ‘Wer die Kunst nicht liebt, kann ja immer noch das Fernsehen einschalten’ gespielt. Für ihr Publikum war das nie eine Option. ‘Wir konnten das Haus lange Zeit gut betreiben mit einer Mischung aus Schauspielertheater, Kabarett und Musik – die Bedürfnisse der Zuschauer deckten sich mit unseren Ambitionen’, sagt Knipp.
Hannelore Honnen, die schon für das Freie Theater Neuwied mit Knipp zusammen gearbeitet hatte (‘Wir sind geistesverwandte Seelen’), inszenierte damals das erste Stück: ‘Frau Armand trifft Rosa Luxemburg nicht’ nach einem Roman von Colette. Der Schwerpunkt (…) liegt inzwischen auf dem Schreiben und der Ausstattung, die sie zusammen mit Knipp entwickelt. ‘Ich liebe Bühnenbilder, die man in eine Kiste packen kann’, erklärt sie – (…) Knipp ergänzt: ‘Wir zeigen zum Beispiel in unserem Hamlet, wie man mit ein paar Flügelschlägen ohne technischen Aufwand abheben kann. Text und Schauspieler sollen im Mittelpunkt stehen.’ Dieser Anspruch wurde in den gefeierten Aufführungen ‘Kafkas Welten’ mit David N. Koch (2008) und das Theaterpreis-gekrönte ‘Fest’ von Thomas Vinterberg (2003) aufs Schönste erfüllt – über 5000 Zuschauer besuchten die stets ausverkaufte Inszenierung. Auf Richard Hucke, der seinerzeit in der Rolle des Sohnes Christian brillierte, wartet im Mai 2012 eine neue große Aufgabe in ‘Szenen einer Ehe’ nach Ingmar Bergman.

Immer wieder beweist Knipp auch sein gutes Händchen für die leichte Muse. So ist er seit den 1980er Jahren ‘Hausregisseur’ des Kabarettisten Thomas Reis. Die Bühnenfassung von dessen Erfolgsprogramm ‘Gibt’s ein Leben über 40?’ wird im März 2012 Premiere haben. Auch ein neues Stück von Tony Dunham ist geplant. ‘Wir haben zum Glück wunderbare junge Schauspieler, die mit Leib und Seele bei der Sache sind’, freut sich der Hausherr. Viele kommen von der Kölner Theaterakademie, wo Knipp unterrichten und im November die Abschlussinszenierung einstudieren wird. ‘Theater kann Geschichten erzählen, Theater schärft die Sinne und klärt den Kopf!’ ist die Devise der engagierten Truppe am Sachsenring.”

Barbro Schuchardt am 4. Januar 2012

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“Wir Kinder aus Theben” in der Schlosserei

Es war schön in der Schlosserei. Noch ist sie nicht abgerissen. Gute Erinnerungen habe ich an ausverkaufte Vorstellungen meiner Musikgruppe ZINNOBER Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, oder das Gastspiel des Theaters am Sachsenring mit unserer Inszenierung von “Das Fest” 2005, ebenso ausverkauft und bewegt aufgenommen vom Publikum. Jetzt bin ich also wieder Gast im Zuschauerraum des ‘kleinen’ Hauses: “Die Phönizierinnen” in aktueller Inszenierung: “Wir Kinder aus Theben”.

Warm, eng, Vorfreude. Ich kenne viele Premierengäste, situierte Bürgerinnen und Bürger, Journalisten, Förderer, Träger, Amtsleute, Lehrer. Küsschen, man wünscht sich frohe Festtage.
Das Programmheft bereitet auf Körperflüssigkeiten und Schlachten vor.

Das erste Bild: Die Wand im Vordergrund wird eingeschlagen, eingetreten, die Einzelteile zerschmettert. Es staubt. Kommt jetzt das Übliche? Nein. Der junge Regisseur Robert Borgmann (Dramaturgie: Sybille Meyer) findet einfache, klare und sehr beeindruckende Bilder und Szenen für die Unausweichlichkeit des Untergangs, des Verderbens, wenn der Gewalt nicht Einhalt geboten wird. Zeitbezug ohne die Zeit zu leugnen. Die Söhne streiten sich um das Erbe Thebens (Carlo Ljubek als Eteokles, Renato Schuch als Polyneikes). Keiner der Beiden will weichen.

Das zieht in Bann. Denn wir sehen die Söhne, wie sie aneinander vorbeischauen, lächeln, sich konfrontieren, ausweichen, schmeicheln und zustoßen. Wir spüren die Spannung im Gefecht der Worte, der Sätze, der Bewegungen, wir spüren jede Regung, jede Täuschung, alle Feindseligkeit. Wunderbar – eine Ouvertüre zu einer sehr musikalischen Inszenierung, die gutes Timing hat und den gesamten Konflikt über die Figuren aufbaut – mit exzellenten Schauspielern.

Die Mutter Iokaste (Julia Wieninger), ihr gelingt es nicht die Söhne zu besänftigen, sie fleht, sie zürnt. Der Vater Kreon (Yorck Dippe), der feige Repräsentant, kalt, überfordert, weiß nicht wohin mit sich, wenn er seinen Sohn Menoikeus (Orlando Klaus) opfern soll. Höchst beeindruckend die retardierende Verzweiflung. Will er die Wand hinauf laufen, oder verliert er nur die Orientierung? Schließlich die stumme Kälte. Das Suchen und nicht Finden wollen, am Ende nur noch das Warten auf die Erfüllung der Prophezeihung. Sie wir erzählt. Alle tot, alles zerstört. Antigone (Marina Frenk) sucht den Vater. Sie sucht, sie irrt, sie ruft ihn – und Ende. Die Schauspieler fassen sich an den Händen, ein stiller, guter Schluss, sie suchen die Hand der Antigone-Schauspielerin, die noch suchend nach dem Vater ruft. Sie fassen sie nicht. Ich bin sowieso tot, sagt die Wieninger und geht ab, die anderen folgen, Kreon muss bleiben. Antigone ruft weiter, leise. Da hören wir hinter den Säulen Schreie, wie das Kreischen von Krähen. Junge Mädchen in weißen Gewändern (Chor?) setzen sich in eine Reihe in gekrümmter Haltung, die Köpfe abgeknickt, aus ihren Mündern fließt Blut. Das erste Mal auf der Bühne, dass Blut fließt.

Es ist still. Das beeindruckende Finale eines großen Schauspielabends, in dem sogar einen Sinn hat, während eines dramatischen Monologs den Satz fallen zu lassen: Was macht man mit einem Hund – der keine Beine hat? Pause – Um die Häuser ziehen.
Oder das Kind, das die Prophezeihung ausspricht, die alte Seherin. Die Schauspieler, zur Wand gewandt, sprechen den Text, das kleine Kind, blondes, langes Haar, tropfnass, wandelt über die Bühne und macht synchron die Mundbewegungen. Schön-grausam, sehr präsent mit verwirrender Energie. Freud und Marx treten auf, zelebrieren komponierten Text am Klavier, laufen mit riesigen, schwebenden Schritten rund um die Bühne – wie Marx-Brothers im Ministerium für komische Gänge. Alle diese Intermezzi haben die richtige Stelle, die Leertaste bekommt Bedeutung, wie jede Geste, jedes Wort. So fallen wenige überflüssige ‘Tricks’ eben nicht ins Gewicht. Das unterscheidet die Inszenierung von manchem Ärgernis. Schade, dass es keine Bravos gab. Hatten die Premierengäste anderes im Kopf, oder saßen sie schon unter dem Weihnachtsbaum? Die Inszenierung, die Schauspieler, sie trafen Emotion und Geist.

Ein guter Abend.

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Nackt und feucht

Ich gehe gerne ins Theater. Aber was heißt schon Theater heutzutage? Es ist mehr als Theater. Es ist Halle, Werkstatt, Studio, Fabrik, Raum, Bühne. Bühne? Ach was – ein Boden, eine nackte Fläche. Einen Vorhang gibt es schon lange nicht mehr. Als erstes sind Mikrofone zu sehen. Mikrofone. Aha. Ich frage mich, wie es in früheren Zeiten möglich gewesen sein mag, dass Schauspieler ohne Mikrofon über die Rampe kamen, aber lassen wir das. Das erinnert an ein Pop-Konzert. Die Rampe ist nämlich auch verschwunden. Überall muss die Grenze zwischen Zuschauer- und Bühnen-Ebene fallen. Die Ebenen überlappen sich. Theater ist Pop.

Und: Flüssigkeiten. Schauspieler sind immer nass, feucht, in Höschen, Unterhemden, nackt. Und sie sind immer bei der Arbeit, auf städtischen Bühnen gibt es immer etwas zu laufen, zu springen, zu turnen, bis zur Verausgabung. Toll. Früher bewunderte der einfache Zuschauer, die simple Zuschauerin, wie ein Schauspieler sich so viel Text merken konnte, heute sind alle schwer beeindruckt, wie erschöpft, verausgabt, nass und schmutzig die Darsteller nach vorne treten, um sich vom befeuchteten Publikum Johlen und Klatschen abzuholen. Ein Event.

Die Flüssigkeiten werden getrunken, verschüttet, gespuckt, der Boden wird angefeuchtet, um später, wir ahnen es schon, ganz unter Wasser zu stehen. Nichts gegen Flüssiges, wenn es Sinn macht, nichts gegen Schreie, wenn sie eine Emotion ausdrücken ohne Dauerzustand zu werden. Wenn aber all diese Maßnahmen immer offensichtlicher nur noch Bausteine sind, für eine Theater-Performance-Rezeptur, die fast überall gleich ist, auf freien und städtischen Bühnen, die überall eingesetzt wird, um eine zeitgenössische “Entgrenzung” glaubhaft zu machen, um Bewegung vorzutäuschen, die ein Text oder ein Schauspieler nicht mehr leisten können, vor allen Dingen nicht mehr leisten sollen – dann ist das ist weder Pop noch Theater, dann ist das Regisseurinnen-Selbsterfahrung.

Immer dieselben Muster. Keine Inszenierung ohne Video-Projektionen, keine Inszenierung in der nicht geschwitzt, gewitzelt, geschlachtet, fragmentiert wird, wir müssen wegsehen, um überhaupt noch etwas sehen zu können. Oder wir schauen in ein Programmheft, in dem sich Dramaturgen ausgetobt haben. Dann wissen wir mehr über den Sinn – und verstehen das Konzept. Und erkennen uns selbst.

Speziell wir Kölner sind ja schon dankbar, wenn, zum Beispiel, die Katastrophe um das Stadtarchiv, durch den Kakao, oder besser durch das Wasser gezogen wird. Authentisches für das Parkett. Wasser und Erde treten auf, nackt, und ficken. Es ist richtig was los. Das Regietheater ist so toll mit den Textmassen fertig geworden – und so respektlos. Der Kölner ist glücklich. Dabei erfahren die Elemente nur dasselbe, was Othello und Desdemona oder Faust und Gretchen auf den Bühnen des deutschen Theaters erfahren. Irgendwann sind sie nass. Es wäre doch eine schöne Idee, einmal eine gespielte Szene zu zeigen. Othello wird eifersüchtig wegen eines Tuches und nicht weil im Hintergrund Desdemona gefickt wird und gleichzeitig ein Nackter an der Rampe in ein Mikrophon singt. Später wird Desdemona dann ins Wasser gesteckt – plitschplatsch und tot (Habe ich tatsächlich in Köln gesehen, fanden alle ganz toll). Keine Missverständnisse: Die Jelinek-Inszenierung mit dem Wasser von Köln, in Köln von Karin Beier inszeniert, war faszinierend, sie hat eine Textfläche mit allen Mitteln des Theaters sinnlich, komisch, durchdringend gemacht – und ich fand es großartig. Bis zur Pause. Danach das große Platschen und Klatschen, es war eine reine Freude, aber nichts weiter.

Je mehr geschrieen, gespritzt und gefickt wird, desto glücklicher sind die Rezensentinnen. Ich habe nachgeschlagen. Alle Kritiken sind immer euphorisch wenn es um ein Experiment, um Dokumentarisches, Migration, wenn es um Wasser, um echte, authentische, verstörte Menschen geht. Manche Regisseurin spricht davon, die Aufgabe des Theaters sei es nicht, zu unterhalten oder es gar dem Publikum leicht zu machen. Ist der Umkehrschluss richtig?

Das Regisseurinnentheater rechtfertigt jede Reizüberflutung gerne mit der Ausrede, das Publikum provozieren zu wollen. Dieses müsse das schon aushalten können. Auf der Bühne arbeiten die Schauspieler, im Parkett arbeiten die Zuschauer. Sie werden gequält und das muss auch so sein. Botschaften, für die ein Kabarettist eine kurze Pointe braucht, werden im Theater zu viereinhalb Stunden (ohne Pause) zerdehnt. Ist das Theater ohne Sinn und Verstand, auf benetzten Flächen, in hermetischen Räumen, das Theater der Zukunft? Gott sei Dank, meint Tom Stromberg (Leiter des Festivals “Impulse”), gibt es keine Regisseure mehr, die heute noch ‘Weisheiten’ (Stromberg will ironisch sein) verbreiten wollen.

In einem immer ärmeren Leben von rasendem Stillstand, führt zwar ein atemlos-spritziges Theater zumindest zu einer Reizung bestimmter Sinne, aber diese Reizung kommt kaum bis zur Wasser-Oberfläche. Es sei denn, man gehört zu den Leuten, die Wasseroberflächen ein Stückweit ‘spannend’ finden, weil sie sich als Teil des zeitgenössischen Publikums fühlen, die diesen Rausch der Fläche brauchen, um klug über Theater reden zu können. Bei einem Prosecco. Es gibt überhaupt viel zu reden. Reden ist alles. Reden über alles, außer über das Gesehene. Und die Kritiken sind auch diesmal – na was schon.

Theater ist anders. Es war immer anders und wird immer anders bleiben. Ein stiller Moment, eine Geste, ein Blick, ein leicht angezogener Satz, ein entblößtes Wort. Und ein Zuschauer, der das hört und sieht und erkennt, ganz still im Dunkeln. Herr Stromberg, das Lärmen, die Performance, das quälend überfrachtete Experiment – all das wird landen wo es hin gehört. Gott sei Dank.

Es lebe das Theater!

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Theater zu – Theater auf

Seit längerer Zeit kein Blog-Eintrag mehr. Warum schreibst du nicht mehr, fragt mich ein Freund, warum gerade jetzt nicht einfach die Gefühle schildern – nach der Wiedereröffnung des Theaters, fragte er mich weiter, nach einem Blick in den ‘Spiegel’ der neuen Internetseite des Theaters am Sachsenring. Letzter Eintrag Jelinek? Gefühle?

Es ist so schwer für uns Männer, über Gefühle zu reden. Was soll ich da schreiben? Im Dezember 2009 musste ich mein Theater schließen. Finanzielle Probleme. Was hatte ich für Gefühle? Enttäuschung, Wut?
Ich habe so viel über die unsäglichen Dummheiten von Politik und Verwaltung geschrieben, über das Zu-Tode-Sparen. Freunde rieten mir schon bald, es um Gottes Willen endlich ruhen zu lassen.

Da ist etwas dran. Sich nicht verbeißen. Abstand gewinnen. Im März 2011 haben wir das Theater wieder eröffnet, mit englischsprachigen Gastspielen. Es bleibt schwierig, aber es macht wieder Spaß. Gefühle?
Arbeit, Anstrengungen. Vorsprechen, erste Proben, Hoffnungen, Erwartungen.
Die nächsten Steine, die in den Weg gelegt werden, die freudigen Erwartungen von Schauspielern, die ersten Abstimmungsschwierigkeiten. Gefühle?

Ich sitze nicht mehr abends am Computer und denke und schreibe, ich rege mich nicht mehr auf, setze mich anschließend hin und schreibe darüber. Laue Sommerabende, Meer und Sand. Das sind Gefühle. Am Eingang des Theaters sind Platten lose. Die bisherigen Reparaturen haben die Situation verschlimmert. Vor zwei Jahren ahnte ich den Abschied von vertrauten Abläufen und Räumen. Ich fing an, Theke, Bilder, Stühle, Krimskrams, den Blick auf die Bühne, zu fotografieren und zu verabschieden. Gefühle? Ja.

Dann entschlossen wir uns, die Räumlichkeiten dem Theater der Keller zu überlassen. An einem glühend heißen, staubigen Sommertag saßen wir im Büro einer Anwaltskanzlei mit trockenem Mund und unterschrieben den Vorvertrag. Kein Zurück mehr. Blass, erhitzt und erleichtert kehrten wir zurück. Die Entscheidung war gefallen. Platz für ein neues Leben?

Die letzten Vorstellungen, gut besucht, begeistert gefeiert, die Schauspieler verstehen noch nicht ganz, sie werden unterkommen, sie werden spielen. Es halten sich Gerüchte, das Keller würde doch nicht bei uns einziehen. Gefühle? Alle wissen etwas, lächeln mitleidig, wir erfahren es als letzte. Ich muss hinterher telefonieren. Ja. Der Anwalt und sein Anhang, sie bleiben im alten Keller. Wir stehen da und wundern uns und beschweren unsere Herzen. Gefühle? Enttäuschung, Wut. Und Hoffnung – natürlich.

Andere Interessenten wollen uns einen Apfel und ein Ei geben für das Theater, für ein Theater, das betriebsbereit am Sachsenring steht. Ein letzter Abend, Fotos, eine Schauspielerin nimmt noch ein Kleid mit, ein Schauspieler den Hasen aus “Liebe, Sex und Therapie”. Wir schließen und verschwinden. Die Laufschrift über dem Eingang läuft weiter. Warum, fragen Freunde. Eine Freundin mietet das Theater. Preisnachlass? Klar. Es ist aber dann doch nur für eine Freundin der Freundin. Nach dem Fest sieht das Theater befleckt und ramponiert aus. Gefühle? Enttäuschung. In der Zwischenzeit will uns die Politik mit einer Liquiditätshilfe unter die Arme greifen. Die SPD und ein Grüner sind dagegen. Warum haben wir Feinde? Warum diese offensive Ablehnung? Der Beschluss zur Hilfe wird gefasst. Die Freunde der SPD und des Grünen aber sitzen auch im Amt und nehmen den Beschluss übel. Das Amt schreibt uns einen Brief. Sie werden das Geld nicht überweisen. Gefühle? Typisch. Ich fange wieder an mich zu verbeißen in die eigenen Denkschleifen. Hat das kein Ende?

Es gibt Freunde, die helfen wollen, sie finden aber wir sollten uns ändern, wir sollten klüger werden, wir sollten ökonomischer planen, ein anderer Spielplan? Ein Steuerberater will uns beraten. Er schließt die Augen, wenn er einfache Wahrheiten ausspricht. Traumfrau? Ja. Kafka? Nein. Ich versuche zu widersprechen. Irgendwann kommt er nicht mehr. Freunde helfen uns den Haushalt zu planen. Noch einmal die Zahlen. Die Schulden bleiben. Die Planung und die Altlasten muss man trennen. Wir trennen und tragen die Altlasten. Freunde wollen uns helfen. Es braucht eine neue Struktur. Eine GmbH. Eine gemeinnützige. Dann kann man helfen.

Wir reden über Stücke, die keine Kosten verursachen, Publikum ziehen und Einnahmen bringen. Nächste Spielzeit mit neuen, jungen Schauspielern neue Inszenierungen, große Stücke, flotte Komödien, griffige Titel. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen… Gefühle? Spannung, Erwartung. Die Journalisten schreiben über die Eröffnung und die Wiedergeburt nach dem ‘Liebesentzug’ durch das Kulturamt. Witzig. Das Kulturamt findet das gar nicht witzig. Sie rufen in der Redaktion an und ‘intervenieren’. Warum haben wir Feinde? Was ist los? Es nimmt kein Ende.
Eine Freundin will helfen, sagt mir, ich würde nicht verstehen. Ich müsse einfach einmal den Mund halten. Sonst brächte mich das wieder in Schwierigkeiten. Ich verstehe nicht. Ich plane den Spielplan. Mit Kafka und Traumfrau. Und Hamlet und einem Stück über Spengler/ Walser/ Benjamin. Das bekommt einen kleinen Zuschuss. Es gibt neues Personal, das auf Augen verdrehen und zischeln seitens bestimmter Amtspersonen nicht so viel gibt. Hoffnung. Natürlich.

Das englischsprachige Theater hinterlässt begeistertes Publikum, dessen Umfang allerdings zu wünschen übrig lässt. Nicht genug Schülergruppen. Einige letzte Vorstellungen sind voll und es knistert. Der Raum ist klein, die Atmosphäre dicht. Das Theater atmet wieder. Schön. Gefühle? Erschöpfung und Gespanntheit. Und Vorfreude. Besser geht’s nicht.

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Stefanie Mühle *1960 †18.4.2011

Stefanie Mühle ist im Alter von nur 51 Jahren gestorben, nach langer, schwerer Krankheit. Von 2003 bis 2005 hatten wir eine sehr intensive Zeit im Theater am Sachsenring. Eine schmale, zarte Frau mit überbordender Energie. Sie hatte ein feines Wesen, glattes, blondes Haar, ein breites Lächeln. Sie war eine, die frei arbeitete, eine, die eine Freche spielen konnte wie eine Verletzliche, sie spielte groß, wild, fein, elegant oder kräftig und sie war in hohem Maß sensibel, im Gestalten ihrer Rollen wie auch privat. Ich erinnere mich an intensive Probenarbeit mit einer Schauspielerin, die sehr genau war, sehr aufmerksam, geduldig in der Suche, ungeduldig das Gefundene zu ordnen. Die ‘Martha’ in “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” war nicht nur eine große Rolle für eine große Schauspielerin, sie gab sich dieser Rolle hin und bat mich nach einer Wiederaufnahme, das Stück nicht in zu kurzen Abständen zu spielen, so oft hintereinander sei das für sie kaum auszuhalten. Nach jeder Vorstellung war sie psychisch und physisch erschöpft. Alles gab sie an Emotionen, alles. Jeden Abend. Sie schonte sich nicht. Das Publikum hat sie dafür geliebt. Und wir im Theater auch.

Im ‘Keller’ sah ich sie, viel hat sie dort gespielt, Preisgekröntes, im Fernsehen machte sie auch in der ‘Lindenstraße’ freies Theater, sie setzte sich für AIDS-Kranke ein, als es erst Wenige taten. Ich wollte sie für “Das Fest”, für die Rolle der ‘Helene’. Sie sagte zu. Während dieses Familienfestes wird die Gewalt des Vaters gegen seine Kinder vom Sohn offenbart, Helene, die Schwester, schwankt zwischen heiler Welt und schrecklicher Erkenntnis.
Stefanie Mühle spielte das so eindringlich, dass allen, die diese Zerrissenheit auf der Bühne beobachten durften, sich geradezu in einen Abgrund hinein gezogen fühlten. Kein Zuschauer blieb unberührt.
Sie schaffte es, dem Theater das zu geben, was es im besten Falle ausmacht. Spiel, emotionale Bewegung, Wahrhaftigkeit. Sie hat ihren Theaterfiguren Leben auf der Bühne gegeben.
Das ‘Fest’ wurde mit dem Theaterpreis ausgezeichnet. Daran hatte sie großen Anteil. Die ‘Martha’ war ein weiterer Höhepunkt. Danach ging sie zurück zu Meinhard Zanger in das neue Ensemble ans Wolfgang Borchert Theater Münster. Wir verloren uns aus den Augen. Ich sah sie im Herbst 2010 zum letzten Mal. Wir begrüßten und umarmten uns.
Ich werde sie vermissen. Uns allen wird sie fehlen, auf der Bühne und bei einer Tasse Tee.

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Karin Beier bringt Jelinek im Schauspielhaus zum Tanzen

Auch diesmal (wie schon bei den ‘Nibelungen’) habe ich eine der umjubelten Inszenierungen von Karin Beier erst mit zeitlichem Abstand sehen können. Fern vom Jubel oder der Theater-des-Jahres-Hysterie sehe ich neue und alte Textflächen der Jelinek – und – dieser Abend reißt mich wirklich hin. Fasziniert, in Bann gezogen bin ich. Dieser Abend bestätigt im besten Sinne den Satz: Theater ist Kontext. Vermutlich hat der Abstand den Abend noch schärfer gemacht. Noch deutlicher werden uns Zusammenhänge zwischen Staudamm-Bau, U-Bahn-Bau, Wasser, Beton, Atomkraftwerk, Tsunami, Tod und Schuld. Das Wasser. Es soll bleiben wo es ist. Das Wasser kommt. Ein Thema in Variationen.

Die Assoziationsketten zwischen den Satzketten der Jelinek lösen durch das Spiel Worte, Bilder, Emotionen aus, Überlegungen, Verstrebungen, die immer wieder mit Wasser, mit Gewalt, Natur, Mensch, Beherrschbarkeit, Überwältigung oder Tod zu tun haben. Dieser Abend reizt die Sinne und das Hirn. Er bietet das, was Theater ausmacht, ich sehe wie diese Inszenierung einen Text, selbst einen so überbordenden, lebendig machen kann. Viele zeitgenössische Inszenierungen, wie wir wissen, bedienen einen Ton, walzen ein Konzept zu Tode und bemühen die ganze Rezeptur des Multi-Media-Spektakels. Auch hier sind Video, Farbe, Wasser im Spiel, aber sie lösen sich auf in Text und Spiel, sie machen Sinn. Karin Beier hat ein wunderbares Gespür für Rhythmus, sie wechselt die Tempi, sie zieht an, lässt los, alles hat eine geradezu knisternde Energie, große Kraft, immer eine Form, eine Fassung, auch in der Fassungslosigkeit. Großartig.

Der Beginn ist ein klarer, gut gestaffelter Anlauf. Vor dem roten Vorhang spricht ein Mann (Thomas Loibl), ein Ingenieur ins Mikrofon, er spricht über die großen Pläne, sich Erde und Wasser untertan zu machen. Über die Toten wird gesprochen, während des ganzen Abends. Mal sind es 150, oder doch mehr? Mal 2 Stück Personen. Im Hauptteil – “Das Werk” – geht es um eines der größten Speicherkraftwerke der Welt, in den Kapruner Alpen in Österreich, das in den zwanziger Jahren mit Freiwilligen, in der Nazizeit auch mit Zwangsarbeitern gebaut wurde. Wie viele Arbeiter starben hier im Kampf mit Erde und Wasser, im Ringen um den Bau dieses Großprojektes? Der Schauspieler ringt auch. Die schwierige Besteigung des Wortberges ist nicht sein letztes Glanzstück, wie auch das gesamte Ensemble ein außerordentlich agierendes, Lust machendes Schauspieler-Ensemble ist. Hier sehen wir zu und staunen und lassen uns überraschen. Dann öffnet sich die Bühne. Eine Putzfrau wischt, redet ein bisschen und singt einen traurigen Gesang (Rosemary Hardy), der Sprecher wird zurückgezogen, eingebunden, in der Tiefe der Bühne tauchen Figuren auf, Frauen zunächst (Caroline Peters, Laura Sundermann, Julia Wieninger, Kathrin Wehlisch und die unglaubliche Lina Beckmann).

Die Spielenden bewegen sich im Pulk, vereinzeln sich, explodieren, singen, schweigen. Später: Eine lange Strecke steht ein Chor, der summt, ruft, singt, schreit, Sprache im Stakkato, in Melodie gefangen, wütend, traurig, ruhig (Leitung: Carsten Wüster). Kein Augenblick ist ohne Spannung. Der Text fließt, atmet und hämmert, nicht alles dringt ins Bewusstsein, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, das der Kern immer hindurch scheint, dass wir sehen und hören können und – verstehen. Die Einzelteile blinken in verschiedenen Farben, tauchen auf, verschwinden. Eine Stimme ertönt, sie kann nicht zum schweigen gebracht werden. Immer wieder taucht sie im Raum auf. Wo ist das Radio? Im Zuschauerraum? Dann mischt sich noch Frau Jelinek persönlich ein. Eine feine Sprachwanderung mit Susanne Barth (die Große) als Jelinek. Die Schauspieler versuchen ihr auszuweichen auf die andere Seite der Bühne. “Im Bus”, an der Tür im Parkett tauchen Krätzchensänger auf (Thomas Loibl, Michael Weber und Manfred Zapatka), ein heidnisches Dreigestirn, wahnsinnige Clowns, böse Onkels. Dann liegen Tote, eine Frau erkennt und beweint, schreit, heult und sagt unvermittelt zu einer Frau: “Du rauchst? Kannst Du bitte die Zigarette ausmachen?” Ein Mikrokosmos des Witzes der gesamten Inszenierung.

Nach der Pause, ich wurde bereits gewarnt, jetzt gehe es erst richtig los, werde ich doch ernüchtert. Wasser und Erde treten höchstpersönlich auf, nackt, fast nackt, und ficken. Aber im Gegensatz zum ersten Teil, zu den beiden ersten Stücken, wechselt der Ton nicht mehr, die Ebenen des Erzählens, die Komik bleiben in Kalauern hängen, die Dynamik wird nur noch bestimmt von spritzendem Wasser, von schwimmenden Blättern, die Mittel – dann doch – fangen an, sich selbst zu genügen. Die ‘echten’ Zitate Kölner Politiker unterstreichen zwar noch einmal die Einfältigkeit oder Unverschämtheit, mit denen diese Politiker unsere Stadt der Korruption, der Erde, der Gewalt ausliefern, aber diese kabarettistischen Aktionen im Wasserschlamm bleiben flach.

Ich persönlich habe auch über Köln im ersten Teil alles erfahren. Im zweiten wird das noch einmal unterstrichen, bewässert, Ebene auf Ebene geschichtet. Aber gut. Und gut bleibt der Abend so oder so.

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Grün, grün, grün!

Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Zeitenwende, historischer Tag, Sensation! Leute! Habt ihr die letzten Jahre verschlafen?

Es kam wie es kommen musste. Schon lange zeichnete sich ab, dass die neue bürgerliche Mitte – sauber, nachhaltig und gesund, gut situiert und ausgebildet – eine Partei braucht. In Baden-Württemberg hat der Lehrer Kretschmann – nett, seriös, väterlich – das schwäbische Herz mit schwäbischen Sprüchen erobert. Was ist daran besonders, oder gar revolutionär? Jetzt wird er Landesvater.

Auf der grünen Wahlparty: Mädchen mit grünen Perücken, kreischende, hüpfende Frauen, die begeistert in die Hände klatschen, grüne Männer, die heulen, junge Grüne die trommeln (Samba) und die grünen Mädchen zum wippen bringen. Revolutionär? Die neue Kultur. Lange her: Die rauchenden, alten Männer mit Bier und Stiernacken. Der Mittelstand in Deutschland hat nichts mehr übrig für verkniffene Säcke, die Bahnhöfe, Atom und Demokratie mit Schlagstock und Wasserwerfer durchpeitschen. Sie wissen: Das weiche Wasser, das frei laufende Huhn, die Trillerpfeife im Mund – das ist das neue Deutschland.

Der Ordnungspolitiker, der kleinbürgerliche Wachstumshysteriker, oder gar der alte Nazi – die Zeiten sind vorbei. Die "Wählerinnen und Wähler" sitzen vor den Fernsehschirmen und sehen explodierende Atomreaktoren, Betreiber, die ständig lügen, verschleiern und sich dabei permanent entschuldigen. Gut, Japan ist weit weg, aber die Bilder brennen in den Köpfen. Seit Jahrzehnten heißt es: Die Technik ist sicher, zumindest im Westen. Alles Lüge. Zum wiederholten Male werden große Teile der Erde nachhaltig atomar verseucht mit unabsehbaren Folgen. Jetzt drückt sich die Erkenntnis auch im Wahlergebnis aus.

Die "ZEIT" hatte getitelt: "Keine Lügen mehr". Und alle nicken. Zeitenwende. Der Typus des verknöcherten Politikers, des Lügners, sollte abgewählt werden. Das wäre ein gutes Signal gewesen. Hat nicht ganz geklappt. Beck in Rheinland-Pfalz bleibt. Blass, fast wie seine eigene Wachsfigur, kann er sich doch noch halten, mit Hilfe der Grünen, die ihn leider stützen. Leider. Sie stützen eine dieser alten Figuren. Die CDU in Rheinland-Pfalz hat eine Neue, eine strahlende Siegerin, Julia Klöckner, die nicht nur als ehemalige Weinkönigin den Eindruck macht, auf der Sonnenseite zu stehen und ohne Schlagstock auszukommen. Diese Frau zeigt der CDU: Es ght auch anders. Sie hätte auch mit den Grünen gehen können, denn sie ist durchaus für die dauerhafte Stilllegung von Atommeilern. Nach der atomaren Laufzeitverlängerung ist nun allerdings jedes schwarz-grüne Vernunftprojekt vorerst unmöglich geworden. Ein schwerer Fehler von Frau Merkel, die sich mit diesem Kuhhandel zugunsten der Atom-Lobby den eigenen Weg, die CDU zu einer modernen Partei zu machen, vorerst verbaut hat. Außerdem: Sie hat die Zeitenwende nicht erkannt.

Frau Merkel hätte besser fernsehen sollen, dann wäre ihr aufgefallen: Wenn die modernen Heimatfilme mit schwedischem oder irischem Hintergrund ein Weltbild malen, dann ist es das grüne Weltbild, das Weltbild der frei laufenden Hühner, der Besserverdienenden, der bürgerlichen Mitte. Alle paar Tage zeigen uns die klebrigen Kitschfilme immer dieselben Geschichten: Da ist der Schnösel, der es natürlich übertreiben muss, der für GoldInvest zu Felde zieht, ein skrupelloser Immobilienhai, dieser Schnösel hat immer ein Blondie an der Seite, die sich vernachlässigt fühlt. Blondie hat sich folgerichtig bald schon in einen Wuschelkopf vom Öko-Institut verliebt, der sie auf sein Boot trägt, um mit ihr Kartoffeln zu schälen und Wein zu trinken. Er raubt ihr einen Kuss. Sie wehrt sich nicht. Sie werden beobachtet. Ihr Mann stellt sie. Er will eine Immobilie für sie kaufen. Aber Blondie sagt zum Noch-Ehemann, zum Anzugträger mit dem geldgierigen Blick, mitten am Strand, mitten in die Kamera hinein: Das mache ich nicht mit. Da werden doch tiefe Löcher in den Strand gegraben und dann ist doch die nachhaltige Geologie in Gefahr!

Ja, so reden sie, die Frauen, die ihren Ehemann los werden wollen, um flugs den neuen Wuschelkopf romantisch bemuttern zu können. Und den Strand retten zu können. Und die Romantik. Und die gehen dann los und wählen grün. Und ihre Zuschauerinnen und Zuschauer auch. So geht das. So sind die Grünen Volkspartei geworden. Also Frau Merkel, aufpassen. Sie haben doch schon viele 'alte' Männer in die Wüste geschickt, jetzt mussten Ihnen die Wählerinnen und Wähler zum ersten Mal helfen und den Mappus hinterher schicken.

Schießen Sie den Westerwelle ab, machen sie einen Wuschelkopf zum Minister (Guttenberg war auch kein 'neuer' Mann) und drehen sie den nächsten Film: "Angela Merkel: Das Glück ist grün!" Das wäre wahrhaft revolutionär. Übrigens: Wer in dieser Glosse die Smilies vermisst, muss selber schauen, wo der Ernst bleibt. Oder sollte der Ernst…

Gute Nacht.

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Mahagonny in der Kölner Oper

Es begann vielversprechend. Ein kleiner weißer Vorhang öffnet sich (die Brecht-Gardine), eine karge, tiefe, öde Landschaft mit einem halb aufragenden Schiffswrack wird sichtbar. Ein altes Auto mit Anhang rattert auf die Bühne und bleibt mit einem Knall in der Mitte liegen. Zwei Schreckgespenster, Fatty und der Dreieinigkeitsmoses (Martin Koch, Dennis Wilgenhof), absurde Figuren, wie dem Kabinett des surrealen Expressionismus entsprungen, finden, bis zur Küste ist es zu weit, zurück ist es zu weit, die Witwe Begbick (Dalia Schaechter: düster, schön, mit Kraft), steigt in den grauen Himmel, auf der angehängten Maschine tritt Technik in Form einer Hebebühne in Aktion, sie findet, man werde also bleiben und die 'Netzestadt' gründen: Mahagonny.

Und dann? Dann kommen die Frauen, die Haifische, die Jungens. Wenn Jim Mahony (Matthias Klink) sich langweilt, ist das sehr komisch, wenn Jenny (Regina Richter) singt "Denn wie man sich bettet so liegt man" dann ziehen mich Stimme und Präsenz, die Bedeutung des Gesungenen in den Bann. Seltene Sternminuten in einer Inszenierung (Katharina Thalbach), die Kapitel für Kapitel so dahin erzählt wird. Dynamik, Steigerungen: Fehlanzeige. Man steht in der Gegend herum. Im zweiten Teil, wir blicken in das schräge Schiff, in verrostete Kabinen, stehen die Männer an der Reling, tanzen die Frauen (Beinchen hier, Beinchen da), statische Bilder, die das Warten auf den Taifun nicht verkürzen und auch nicht spannender machen.

Der Inszenierung fehlt Kraft und eine Idee jenseits der 'Auftritt links – Abgang rechts'-Choreografie. Und dann links und rechts der Bühne – na, was? Genau. Projektionswände. Hier laufen die Bilder, denen die Bühne hinterher zu trauern scheint. Sollen wir nicht lieber einen Film sehen? Über die Arbeiter mit Koffern, während man beinahe verpasst, das auf der Bühne auch Arbeiter mit Koffern dem Ruf der Paradiesstadt folgen wollen. Hören wir, was sie singen? Tafeln, Bilder, das hätte dem Brecht gefallen, meint ein Kritiker. Dann flimmern noch die sattsam bekannten, schrecklichen Bilder des Tsunamis in Japan und zuckender halbtoter Tiere der Fleischverarbeitung über die Wände. Zum Thema Liebe sieht man Schattenrisse von Geschlechtsverkehr in wechselnden Positionen. In einer Kabine hockt düster die Frau mit Kind (Anne Simmering, schön sie wieder zu sehen), ständig wird unser Blick gelenkt und abgelenkt.

Dem Brecht hätten die Projektionen sicher NICHT gefallen, denn zwischen dem 'Verfremdungs-Effekt' und einer billigen Bebilderung (Massentierhaltung, Tsunami) liegen eben Welten. Warum glaubt die Regie des zeitgenössischen Theaters immer wieder dem Publikum das Zuhören, das Schauen und die Entdeckung der Bilder im Kopf unbedingt abnehmen zu müssen. Als Theaterschaffender sage ich: Mehr Vertrauen in die Kraft der Musik und in die Geschichte. Es gab mäßigen Applaus, der sich steigerte für die Sänger (zurecht) und für Frau Thalbach (schön sie wieder in Köln zu sehen).

Aus Szene X Jimmy: "Und gerade so ist der Mensch,/ Er will zerstören was da ist./ Wozu braucht es da einen Hurrikan?/ Was ist der Taifun an Schrecken/ Gegen den Menschen,/ wenn er seinen Spaß will?"

Und es bleibt die Essenz: Die Bedeutung des Geldes in unserer Zeit. Du darfst alles, aber wer kein Geld hat, wird zum Tode verurteilt. Genau.

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An der Oberfläche: Stadien und Atomkraftwerke

Gestern morgen. Ich blicke auf den Fernsehschirm und gerate in einem Zustand der Paralyse. Die Bilder aus Japan sind kaum zu begreifen. Bilder von gefassten Gesichtern, die erzählen, sie hätten geglaubt sterben zu müssen, von aufgerissenen Böden, stürzenden Trümmern, fliehenden Passanten, Kamerafahrten, die eine Flutwelle auf dem Ozean verfolgen, die sich in rasender Geschwindigkeit auf die Küste zubewegt, sich wenig später über das Land wälzen wird und alles – Menschen, Autos, Brücken, Häuser – vor sich her schieben und ganze Landstriche verwüsten wird. Wir sehen Menschen auf Dächern, wankende Gebäude, Brände, die Laufschrift am unteren Rand teilt mit, dass ein Atomkraftwerk nur noch ein paar Stunden am Notstrom hängt. Kernschmelze droht. Diese bewegten Bilder lassen den Alltag verblassen. Ich kann kaum glauben, was ich da sehe. Zwischenzeitlich habe ich den Eindruck in einen Katastrophenfilm geraten zu sein. Inszenierte Realität. So ging es mir am 11. September 2001, so ging es mir gestern.

Im Laufe des Tages werden die Bilderschleifen immer unerträglicher, nicht nur weil die Bilder von so großer Kraft sind, sondern weil – wie 2001 – diese Bilder in der Rangfolge des Schreckens immer öfter wiederholt werden. Immer schneller, immer komprimierter. Sie rollen ins Wohnzimmer wie ein digitaler Tsunami.

Ich spüre einen starken Wunsch nach frischer Luft. Der 1.FC Köln spielt am Abend in Müngersdorf gegen den Tabellendritten und ich habe Karten. Also reiße ich mich los und wir fahren mit der Bahn hinaus.
Die Luft ist lau, die Pfeiler des Stadions leuchten. Wir haben gute Plätze, die Stimmung ist ausgelassen, das Flutlicht lässt den Rasen schimmern, es ist laut. Zu Beginn bittet der Stadionsprecher an die Menschen zu denken, denen es nicht so gut geht. Es wird stiller. Ich sehe die Mondsichel über dem Licht im schwarzen Himmel hängen.

Es wird nicht nur mir bewusst auf welcher Insel der Glückseligkeit wir sitzen. Das Spiel beginnt.
Am Ende steht es 4:0 – ich habe einen neuen FC gesehen, beweglich, spielstark, rot. Die Fahnen schwingen, der Lärm schwillt an, La Ola – die Welle – geht durch das Publikum, Karnevalslieder schallen in die Nacht und ich fühle mich erinnert an den FC vor 22 Jahren, der Vizemeister wurde. Ein Glücksgefühl steigt auf. Neben mir meine Liebste, ruhiger als sonst. Vieles ist anders, nicht nur die Perspektive. Der Mond ist weitergewandert und steht genau über der Öffnung des Stadions.
Nein. Das Stadion ist weiter gewandert. Unser Erdball dreht sich und das Stadion steht auf der selben Oberfläche wie das Atomkraftwerk in Japan, über das die Menschen die Kontrolle verloren haben.

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Bild dir deine Meinung?

Till Schweiger, Veronika Ferres, Mario Barth, Alice Schwarzer, Johannes B. Kerner. Was ist ihnen gemeinsam? Sie schreiben für die Bildzeitung, sie werben für die Bildzeitung, sie gehören zum Typus des ‘prominenten’ Menschen, der sich lieber mit der Macht arrangiert. Denn die Bild hat Macht und weiß sie zu nutzen. Sie kann aus zwei Titten einen Promi machen, einen Minister gutt finden, sie kann lügen, aus einem Promi einen C-Promi machen, oder ihn zum Verschwinden bringen. Das wissen diese Promis, die Promis geworden sind, weil sie gute Selbstdarsteller sind. Schon sitzt der Promi in der Falle. Er ist abhängig. Gute Künstler? Sie sind doch gute Journalistinnen. Brauchen sie Bild?

Ja. Und sie wissen das, denn das Metier, die Kunst, die Fähigkeiten, falls vorhanden, werden höchstens als Hintergrund gebraucht im Medienzirkus. Sie stehen nicht für sich. Natürlich nicht. Das ewige Klappern gehört nicht nur zum Handwerk, es ist das Handwerk. Till Schweiger macht Filme, dann gibt es bunte Bilder und Talkshows in denen er auf die Pauke haut, dann gibt es die Kritiken, dann ist er wieder beleidigt, dann macht er wieder einen Film und dann gibt es wieder eine Story in der Bild.

Es ist so durchsichtig wie Kerner, so simpel wie Veronika Ferres. Und Alice Schwarzer? Por-No Kampagne und das Titten Monsterblatt. Passt doch.

Über mein Theater ist auch schon in der Bild berichtet worden. Gerade erst. Aber nur über das Theater und seine Wiedereröffnung. So etwas gibt es. Aber dann sollte ich vor ein paar Monaten etwas schreiben über die armen Theater ohne Geld und die bösen Griechen mit ohne Geld aber Milliarden-Rettungsschirm in der Bundesbild. Ich habe mir keine Meinung gebildet, sondern meine Meinung geschrieben: Kein Geld für leer stehende Immobilien, für Spekulanten und korrupte Politiker, mehr Geld für die Menschen, für die Kultur – überall.

Das passte nicht zur Griechen Hass Kampagne, also wurde es nicht gedruckt. So funktioniert das. Wir kennen die Muster. Schreibt das Richtige, sagt das Richtige, dann kommt ihr vor, sonst werdet ihr aus der Öffentlichkeit verschwinden, macht ‘das richtige’ Theater, sonst droht euch Verbot, so war es in der DDR, macht ‘das richtige’ Theater, sonst wird euch der Zuschuss gestrichen, so ist es in Köln. Macht kein Theater, sonst…

Die Sängerin der Pop-Band “Wir sind Helden” war prominent genug, dass auch sie von Bild gefragt wurde und antwortete mit einem offenen Brief. Die Aufregung ist groß, weil sich hier plötzlich offenbart, dass sie tatsächlich die Erste ist, die sich öffentlich verweigert.

Sonst machen alle diese Schmierenkomödie mit ohne mit der Wimper zu zucken und wenn ihnen die Wimper zuckt, dann nur im stillen Kämmerlein. Frau Holofernes schreibt unter anderem:

“(…) Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick… Aber irgendwie geht das eigentlich nicht, ne, weil ist ja irgendwie unter meinem Niveau/evil/zu sichtbar berechnend… Und dann kommt ihr, liebe Agentur, und baut diesen armen gespaltenen Prominenten eine Brücke, eine wackelige, glitschige, aber hey, was soll’s, auf der anderen Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gummibärchen. Ihr sagt jenen Promis: wisst ihr was, ihr kriegt einfach kein Geld! Wir spenden einfach ein bisschen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spendet, der kann kein Ego haben, verstehste? Und außerdem, pass auf, jetzt kommt’s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann denken sich diese Promis, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, irgendeine pseudo -​distanziertes Gewäsch aus, irgendwas ‘total Spitzfindiges’, oder Clever-​ Unverbindliches, oder Überhebliches, oder… Und glauben, so kämen sie aus der Nummer raus, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und haben trotzdem unheimlich viele saudumme Menschen erreicht! Hurra.

(…) Die BILD -​Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-​Kulturgut (…).

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: ich glaub es hackt.”

Hier meine Meinung in typischer, umständlich-traditionellen Art: Bildet euch keine Meinung. Findet eine Haltung. Denkt und redet selbst, wehrt euch und – spielt Theater wie es euch gefällt.

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Rücktritt

Einen Tag später tritt zu Guttenberg zurück. Ich sehe die Frau wieder (die vom 28. Februar). Ihre Haare sind zur Ruhe gekommen, sie sieht aus, als hätte sie einen schönen Abend gehabt. Sie lächelt und sagt: Na? Nur einen Tag später tritt er doch zurück. Und zwar von allen Ämtern. Wurde auch Zeit. Oder?
Ohne eine Antwort abzuwarten, setzt sie sich an einen anderen Tisch. Ich nehme meine Zeitung in die Hand und fühle mich bestätigt diese Frau nicht zu mögen.
Ich blicke auf die aufgeschlagene Seite meiner Zeitung: Der erste Titel für Frank Schäfer. Es geht um den Trainer des 1.FC Köln und den Kölner Karneval. Um mich herum Tassenklappern und Gemurmel. Der Cappucino-Mann betritt den Raum und geht geradewegs auf den Tisch mit der Frau zu.

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Also gut, kein Doktor – na und?

Ich schaue von meiner Zeitung auf und wende mich im allgemeinen an die Frau und den Mann, die zufällig bei mir am Tisch sitzen und Tee, beziehungsweise Kaffee trinken. Also gut, sage ich, kein Doktor – na und? Soll das ein Gespräch werden? Die Frau schaut reserviert, der Mann unentschieden.

Der Mann sagt: Der zu Guttenberg ist wirklich gut. Und wie der sich entschuldigen kann und es noch schafft, auch hier den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Und mit Rückendeckung der Kanzlerin einfach im Gegenwind stehen zu bleiben. Alle Achtung.

Die blonde Frau gerät plötzlich unter ihrem Mittelscheitel ein stückweit außer sich. Auf so eine Rede hat sie gerade gewartet: Dieser mediengeile Minister ist nichts anderes als ein eitler Adeliger, ein dreister Kopist, er hat getäuscht und gelogen, er hat immer nur das zugegeben, was gerade aufgedeckt wurde. Ein Rücktritt ist schon lange fällig. Einen Moment lang ist es still am Tisch. Auch die Umgebung scheint den Atem anzuhalten. Die Frau schaut erwartungsvoll. Das Haar liegt glatt und ruhig.

Ja, er hat einen Fehler gemacht, sagt der Mann mit Lesebrille und Cappucino. Er schmückt sich mit einem mokanten Lächeln und einer kleinen Pause. Aber – das macht ihn noch menschlicher, noch sympathischer, oder? Das sagt er doch selbst. Ich bin auch nur ein Mensch, sagt er. Gut, dass er uns das mitgeteilt hat, sonst… Kleine Pause. Und seine Sympathiewerte halten sich, sozusagen, wenn wir den Umfragen glauben sollen. Ironie? Die Frau versteht nicht ganz.

Auch ich hatte, sagt der Mann, wie viele Menschen zunächst den Eindruck, wir haben es mit einem unabhängigen, klugen und selbstbewussten Politiker zu tun, der nicht zur Klasse der bräsigen Männer mit Stallgeruch gehört und nicht zu den hohl tönenden Werbefiguren.

Tja, dieses Bild war falsch, fällt ihm die Frau ins Wort.
Ich finde eher, das Bild wird mehr und mehr ausgeleuchtet und fügt sich zu einem typische Ganzen.

Es passt alles zusammen, oder? Sagt der Mann und lächelt in Richtung Mittelscheitel. Das Spiel sozusagen mit den Medien, die Talkshow in Afghanistan mit Kerner, die Kopf-Ab-Mentalität in Krisen, ohne mit den Betroffenen zu reden, die Entschuldigungen, ohne sich bei den Betroffenen zu entschuldigen, die Demutsgesten, die wie Attacken klingen, die Schwamm-Drüber-Mentalität, ich gebe zu, all das deutet wirklich auf eine gestörte Wahrnehmung hin, oder?

Die Frau sagt: Und überhaupt auf eine gestörte Persönlichkeit. Zeichen für diese typische übersteigerte Eitelkeit, die schon manchen Politiker zu Fall gebracht hat. Aus einem Doktor wird keiner, aus forsch wird nassforsch. Aus selbstbewusst wird arrogant. Sie stellt den Tee ab und ist zufrieden.

Der Mann sagt: Gut. Er macht eine Pause. Er entschleunigt das Gespräch. Er blickt. Er sagt: Es kommt wie es immer kommt, oder? Erst ist nichts gewesen, nur Zitate sozusagen falsch gekennzeichnet, die Vorwürfe sind abstrus, sie werden mit Entschiedenheit zurück gewiesen, dann werden kleinere Fehler zugestanden, der Doktortitel darf ruhen. Pause. Das mokante Lächeln wird verstärkt. Gut. Dann kommt heraus, große Passagen sind sozusagen von anderen Autoren einfach kopiert worden. Pause. Also werden größere Fehler eingestanden, dann folgt eine Entschuldigung verknüpft mit der Forderung, diese müsse nun aber auch angenommen werden. Schließlich wird die Promotion einfach zurück gegeben. Das Lächeln verstärkt sich zum Grinsen. Toll, oder? Der Verdacht verdichtet sich, dass zu Guttenberg nicht eine Zeile selbst geschrieben hat – Pause – und Ende. Und jetzt steht er da. Und sein Doktorvater ist entsetzt und Parteifreunde rücken ab, ein Brief landet bei der Kanzlerin. Tja – er zuckt die Schultern – wird er das wirklich aushalten?

Die Frau lehnt sich zurück und lächelt ihn an.
Tja, sagt er, das sind die Fakten und die treiben ihn mehr und mehr in die Enge. Aber: Copy and paste. Kopieren und einfügen. Das ist doch alles nichts Neues. Wir leben schon lange in einer Zeit der Textbausteine und Clone.

Genau, findet die Frau. Sie spannt ihren Körper wieder an. Das wurde besonders deutlich in der Bundestagsdebatte. Die hab ich mir angesehen. Dieser CSU Clon, der schon geiferte, weil überhaupt Kritik am falschen Doktor geübt wurde. Für diesen CSU-Sack ist das alles “kein Stil”, “unverschämt” und “unverfroren”. Eben Textbausteine…

Der Mann setzt seine Brille ab: Moment, Moment, wenn wir von schablonenhaften Reden sprechen, das muss ich jetzt schon einmal sagen, dann sind mir die ganzen SPD- und Grünen- Clone noch widerwärtiger als sozusagen die alte Sorte politischer Lügner.

Der Mann setzt die Brille ab, setzt ohne Not seine bei der blonden Frau bereits gesammelten Pluspunkte aufs Spiel und fährt fort. Wenn ich den dicken Gabriel oder die Roth, das aufgeregte Huhn, nur sehe – oder den verkniffenen Steinmeier mit seinem Trittin – zu deren Textbausteinen “sozial”, “nachhaltig” und “sparen”, kommen jetzt sozusagen noch “unverschämt”, “Betrug” und “Rücktritt”. Und im Bundestag? Der dramatische Gestus ihrer Reden ist eine einzige verlogene Schmierenkomödie. Wer dem Trittin zuhört, sieht sozusagen den typischen, politischen Schreihals, den Westerwelle der Grünen.

Toll, denke ich, aber ein unangenehmer Zeitgenosse. Ich mische mich jetzt ein. Kein Wunder, sage ich, die Wähler des gut situierten Mittelstandes haben ihre neue, ökologisch nachhaltige FDP gefunden.
Bürger, die gut verdienen, gut leben und gut essen wollen, am besten mit rauchfreier Kneipe im eigenen Haus mitten in der Stadt, aber ohne Lärm und mit Vogelgezwitscher. Diese Partei und ihre Anhänger sind noch spießiger geworden als jeder Vertreter des alten bürgerlichen Lagers vor ihr.

Die Frau schaut spöttisch. Der Mann findet, das geht zu weit. Die Grünen sind doch immer noch eine Alternative.
Ich frage: Zu was? Zum Krieg? Zum sozialen Abstieg? Wer hat den das alles mit Schröder zusammen auf die Agenda gesetzt?
Der Mann lächelt süffisant, setzt die Brille wieder auf und schweigt.

Die Frau setzt sich zurecht: Zurück zu zu Guttenberg. Ich sehe einmal mehr das gesamte Repertoire. Guttenberg zieht seinen Kopf aus der Schlinge, wozu Sie ja alle Achtung sagen – sie schickt dem Cappucino-Mann einen entsprechenden Blick – und er tut das genau so wie alle Männer, denen es an den Kragen geht. Nur dass er nicht nur Minister, sondern auch Vorbild sein will. Was sollen denn Schülerinnen, was sollen Studenten davon halten? Stellen Sie sich das doch mal vor.
Da schreibt einer ab und wird erwischt, er stellt sich vor seinen Lehrer, zieht die Augenbrauen hoch, formuliert eine Entschuldigung und appelliert an die Moral des Lehrers und an die guten Sitten. Wenn der Lehrer trotzdem Konsequenzen ziehen will, wird er einfach mit Verachtung gestraft. Ich hab mich doch entschuldigt, fährt der Schüler den Lehrer an und wendet sich wichtigeren Aufgaben zu.

Der Mann lächelt: Das kann man so nicht vergleichen.

Die Frau blitzt den Mann an. Warum? Weil der Mann größere Aufgaben hat? Oder ein Adeliger ist? Die Haare der Frau geraten leicht in Bewegung.

Der Mann lächelt. Bevor der Faden zu reißen droht, komme ich schnell noch auf mein Lieblingsthema. Vom Allgemeinen zur Kulturpolitik Köln. Auch in Köln gab es diesen eitlen Politiker, sage ich, der am Doktor gescheitert ist. Der ehemalige kulturpolitische Sprecher der SPD Fraktion aber ist, nachdem der falsche Titel aufgeflogen war, zurück getreten. Na gut, er ist immer noch Strippenzieher in der Sparkassenstiftung und anderswo, er verhilft “seinem” Theater zu Fördergeldern, er mischt beim Theaterpreis mit, aber sonst…

Der Mann blickt auf die Uhr. Es sei spät, er müsse gehen.
Die Frau ordnet eine Haarsträhne und schließt sich an. Sie stehen beide auf. Sie haben noch ein Stück gemeinsamen Weg. Er hält ihr die Tür auf.

Ich hebe die Zeitung auf – der Sport – bestelle noch einen Kaffee und lese über den 1.FC Köln.
Ich blicke in Richtung Ausgang, sehe den Koch draußen stehen und denke: Gut. Er hatte doch keinen Doktor nötig. Der Podolski. Gut.
Ich blicke zurück auf ein Zeitungsbild von einer jubelnden Spielertraube um Prinz Poldi in rotweiß und wende mich wichtigeren Dingen zu.

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Karin Beier nach Hamburg

Ich weiß, ein Stadttheater braucht andere Mittel, als ein freies Theater. Dafür macht das Stadttheater das Theater des freien Theaters, das seit Jahren die Kopie der Kopie dieses Theaters macht. Ich weiß.

Karin Beier glaubte, Sanierung von Schauspiel und Oper ist billiger als Neubau und rettet Geld für die Kunst – und irrte in beiden Punkten. Jetzt geht sie nach Hamburg. Ich weiß.

Kölner Kulturpolitik bleibt Pappnasentheater. Eine ganze Bühne für das Schauspiel wird gestrichen, gegen alle Zusagen und das “weniger” bei der freien Kultur wird ganz eingespart. So droht die kulturelle Wüste auf der einen Seite und die ewige Baustelle (daran haben wir uns ja fast schon gewöhnt) auf der anderen Seite. Bis das ganze schiefe Gebäude in das Kölner Loch rutscht. Ich weiß. Gute Nacht. Ich wünsche Karin Beier alles Gute in Hamburg.

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Berlin – warum nicht?

Mein Freund Thomas Reis spielt seinen "Reisparteitag" in Berlin, im Mehringhoftheater. Also auf nach Berlin. Ist Jahre her. Hier sind die Leute noch lustiger. Sie stehen mitten im Programm des Kabarettisten auf. Weil sie in der ersten Reihe sitzen? Sie kommen auch wieder. Sie reden auch mit dem Künstler. Der wird nervös und geht mit einer Geste des Halsumdrehens auf die erste Reihe zu. Das Publikum applaudiert.
Ein Taxifahrer zeigt uns ungefragt das Geburtshaus von Marlene Dietrich und redet vom Verfall der Moral, weil die jungen Leute nicht mehr getauft sind.

In der Ständigen Vertretung (Kölsch in Berlin) ist Touristenauflauf. Ich habe mich hier mit Peter Raddatz (ehemals Hamburg, ehemals Köln, jetzt Opernstiftung Berlin) verabredet, endlich ein Wiedersehen. An die Wand gequetscht essen wir 'Altkanzler-Menu' und Matjes mit Bratkartoffeln. Alles lärmt und klappert. Peter ist hier in Berlin Ratgeber für Ehemalige und Zukünftige. Er spricht mit Menschen, die von der Kulturpolitik in Köln die Nase voll haben, er hört bis ins ferne Berlin, dass Kollegen auf mich sauer sind (es werden immer mehr), weil ich über das Kölner Theater schreibe wie ich schreibe. Bin ich ein Ehemaliger oder Zukünftiger? Nach einer Kopfschmerzattacke raus aus der drängenden Enge in den Regen. Mit Thomas noch eine heiße Suppe in einem Thailand Imbiss, hinter dessen Theke drei kleine Generationen Frauen kochen, kichern und schnattern.

Gegenüber der Gästewohnung in den verglasten Raucherraum einer kleinen Teppich-und-Holz-Kneipe wie aus den 80ern. Eine alte Frau mit grauem Pferdeschwanz bringt Bier und Tabak zum drehen an einen Tisch mit einem Jungen (rote, abstehende Haare) und einem Mädchen in Jeans mit vollen Lippen und müdem Blick, die auch aus den 80ern entsprungen scheinen. Schön ist das nicht. Also rüber in die Künstlerwohnung mit grün gestrichenen Türen und Nicaragua-Aufklebern. Die wird bald abgerissen für Eigentumswohnungen.
Der Fernseher zeigt auf allen Kanälen: einen schlechten Film (Clark Gable als Agent), also doch ins Bett.


Am nächsten Morgen Sonne. Berlin Mitte ist düster und kalt. Ich will Kaffee trinken im Café Einstein. Unter den Linden zieht eine kleine Demonstration mit roten Fahnen. Wie in den 80ern.
Der Potsdamer Platz ist ein unsäglicher Klotz mit überlebensgroßer Werbung. Die Berlinale ist eröffnet. Gerade hat mich Uwe Ochsenknecht beinahe umgerannt. Weg hier.

Demonstranten? Jetzt weiß ich warum. Mubarak ist endlich zurück getreten.
Die roten Fahnen sind von der "Linken" und der MLPD. Sonst nur ägyptische Fahnen. Vor dem Brandenburger Tor werden Reden gehalten. Auf arabisch. Der Redner schreit, schreit jeden Satz mit sich überschlagender Stimme. Am Schluss bricht die Menge in Allah-Rufe aus. Eine Frau mit schwäbischem Akzent ruft in höchsten Tönen ihre Solidarität in den Himmel. Ein paar Pfiffe. Sie ist Abgeordnete der "Linken" und fordert etwas von der Bundesregierung. Männer sprechen aufgeregt in Handys. Ich verstehe nur noch Mubarak.
In Ägypten hat sich das Militär vom Militär die Macht geholt.
Ich geh gleich ins Theater. Heute Mittag hat Thomas noch eine Pointe entworfen: Der Unterschied zwischen Mubarak und Westerwelle? Ich sage: Beide weigern sich zurück zu treten. Er sagt: Dem Mubarak hört man noch zu. Blöd und – Schnee von gestern. Auf der Bühne heißt es dann: Mubarak hatte ein Einsehen mit uns. Die Vorstellung ist gut. Sie atmet. Thomas ist charmant, beweglich, scharf. Bestes politisches Kabarett. Wo gibt es das noch?

Berlin Hauptbahnhof, Gleis 13. Der Zug wird in Hamm geteilt. Düsseldorf oder Köln? Keine Frage. Abschnitt E. Ich erwische den Speisewagen, nein – das Bord Bistro und versuche meinen Mantel aufzuhängen. Hinter mir ein schmaler Herr sagt: Kleine Leute wollen auch leben. Der Herr bestellt Bio Hähnchen und telefoniert mit der Chefredaktion. Es ist Rafael Seligmann, der spricht. Er möchte einen Artikel schreiben über die arabischen Länder: Wer fällt als nächstes, oder so ähnlich. Er findet, sie (er und andere) haben Recht gehabt mit Ägypten und dem Militär. Eine ältere Frau am Nebentisch hat ein Pappschild auf dem Tisch entdeckt. "Bitte verzichten Sie auf den Gebrauch von Handy und Laptop. Die Gäste werden es Ihnen danken.". Aufgeregt zeigt sie dem Tischnachbarn von Seligmann die Pappe und wippt mit dem Kopf: Bitte zeigen Sie dem Herren dieses Schild, sagt sie, während Seligmann aus dem Fenster schaut und leise mit der Chefredaktion redet: Wieviel Zeilen? Der Tischnachbar fragt, was die Frau wolle. Er versteht nicht oder will nicht glauben, was sie da sagt. Die Frau winkt immer heftiger mit der Pappe. Sie trägt eine braune Wetterweste, oder wie immer das Teil heißt, darunter einen hellbraunen Pullover aus dessen Ausschnitt ein Unterhemd heraus schaut. Langes braunes Haar, ein mächtiger, faltiger Hals und ein schnabelartiger Mund. Unter den hochgezogenen Augenbrauen sitzt eine rotgerandete Lesebrille.
Der Tischnachbar meint: Der Herr spricht doch nur. NEIN! Der telefoniert! Die Frau wird hysterisch. Der Tischnachbar sagt leise: Das ist hier kein Schweigewagen.
Empört wendet sich die Frau ab. Der Kopf wackelt hinterher. Sie schlägt ein dickes Buch auf. "Das Buch des Teufels". Die Brauen steigen noch höher. Stirnfalten bis zum niedrigen Haaransatz. Sie liest angestrengt. "Das Buch des Teufels" ist von einem gewissen C. J. Sansom, ein Dicke-Bücher-Autor für Frauen, die sich aufregen wollen.

Der Schaffner kontrolliert. Ein Herr hat zwar eine Fahrkarte, aber die falsche Legitimation. Andere Dokumente beweisen seine Identität, aber das angegebene liegt nicht vor. Der Schaffner hat seine Vorschriften und lässt sich nicht umstimmen. Er muss Meldung machen.
Am Nebentisch höre ich den Satz: Ich habe nur Anweisungen befolgt, während Seligmann lächelt und den Kopf schüttelt.

Das sonnige Berlin liegt hinter uns. Ich schaue aus dem Fenster. Es schneit.
Seligmann ist ausgestiegen. Die Frau mit dem dicken Hals ist verschwunden. Nach einer Weile taucht sie wieder auf, verfolgt vom Schaffner. Sie dreht sich abrupt um und sagt: lassen Sie mich doch endlich in Ruhe. Der Schaffner murmelt etwas, sie lacht laut auf, dann läuft sie hinaus. Sofort kommt sie wieder, wirft unwillig ihre Sachen, Rucksack, Jacken auf einen Sitz und – telefoniert.
Ich habe das Recht meine Rechte durchzusetzen, scheint sie zu denken. Ihr Gesicht ist blass, fast gelb.
Ich schaue aus dem Fenster. Der Schnee ist verschwunden. Wir nähern uns Köln.

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