Ich schaue von meiner Zeitung auf und wende mich im allgemeinen an die Frau und den Mann, die zufällig bei mir am Tisch sitzen und Tee, beziehungsweise Kaffee trinken. Also gut, sage ich, kein Doktor – na und? Soll das ein Gespräch werden? Die Frau schaut reserviert, der Mann unentschieden.
Der Mann sagt: Der zu Guttenberg ist wirklich gut. Und wie der sich entschuldigen kann und es noch schafft, auch hier den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Und mit Rückendeckung der Kanzlerin einfach im Gegenwind stehen zu bleiben. Alle Achtung.
Die blonde Frau gerät plötzlich unter ihrem Mittelscheitel ein stückweit außer sich. Auf so eine Rede hat sie gerade gewartet: Dieser mediengeile Minister ist nichts anderes als ein eitler Adeliger, ein dreister Kopist, er hat getäuscht und gelogen, er hat immer nur das zugegeben, was gerade aufgedeckt wurde. Ein Rücktritt ist schon lange fällig. Einen Moment lang ist es still am Tisch. Auch die Umgebung scheint den Atem anzuhalten. Die Frau schaut erwartungsvoll. Das Haar liegt glatt und ruhig.
Ja, er hat einen Fehler gemacht, sagt der Mann mit Lesebrille und Cappucino. Er schmückt sich mit einem mokanten Lächeln und einer kleinen Pause. Aber – das macht ihn noch menschlicher, noch sympathischer, oder? Das sagt er doch selbst. Ich bin auch nur ein Mensch, sagt er. Gut, dass er uns das mitgeteilt hat, sonst… Kleine Pause. Und seine Sympathiewerte halten sich, sozusagen, wenn wir den Umfragen glauben sollen. Ironie? Die Frau versteht nicht ganz.
Auch ich hatte, sagt der Mann, wie viele Menschen zunächst den Eindruck, wir haben es mit einem unabhängigen, klugen und selbstbewussten Politiker zu tun, der nicht zur Klasse der bräsigen Männer mit Stallgeruch gehört und nicht zu den hohl tönenden Werbefiguren.
Tja, dieses Bild war falsch, fällt ihm die Frau ins Wort.
Ich finde eher, das Bild wird mehr und mehr ausgeleuchtet und fügt sich zu einem typische Ganzen.
Es passt alles zusammen, oder? Sagt der Mann und lächelt in Richtung Mittelscheitel. Das Spiel sozusagen mit den Medien, die Talkshow in Afghanistan mit Kerner, die Kopf-Ab-Mentalität in Krisen, ohne mit den Betroffenen zu reden, die Entschuldigungen, ohne sich bei den Betroffenen zu entschuldigen, die Demutsgesten, die wie Attacken klingen, die Schwamm-Drüber-Mentalität, ich gebe zu, all das deutet wirklich auf eine gestörte Wahrnehmung hin, oder?
Die Frau sagt: Und überhaupt auf eine gestörte Persönlichkeit. Zeichen für diese typische übersteigerte Eitelkeit, die schon manchen Politiker zu Fall gebracht hat. Aus einem Doktor wird keiner, aus forsch wird nassforsch. Aus selbstbewusst wird arrogant. Sie stellt den Tee ab und ist zufrieden.
Der Mann sagt: Gut. Er macht eine Pause. Er entschleunigt das Gespräch. Er blickt. Er sagt: Es kommt wie es immer kommt, oder? Erst ist nichts gewesen, nur Zitate sozusagen falsch gekennzeichnet, die Vorwürfe sind abstrus, sie werden mit Entschiedenheit zurück gewiesen, dann werden kleinere Fehler zugestanden, der Doktortitel darf ruhen. Pause. Das mokante Lächeln wird verstärkt. Gut. Dann kommt heraus, große Passagen sind sozusagen von anderen Autoren einfach kopiert worden. Pause. Also werden größere Fehler eingestanden, dann folgt eine Entschuldigung verknüpft mit der Forderung, diese müsse nun aber auch angenommen werden. Schließlich wird die Promotion einfach zurück gegeben. Das Lächeln verstärkt sich zum Grinsen. Toll, oder? Der Verdacht verdichtet sich, dass zu Guttenberg nicht eine Zeile selbst geschrieben hat – Pause – und Ende. Und jetzt steht er da. Und sein Doktorvater ist entsetzt und Parteifreunde rücken ab, ein Brief landet bei der Kanzlerin. Tja – er zuckt die Schultern – wird er das wirklich aushalten?
Die Frau lehnt sich zurück und lächelt ihn an.
Tja, sagt er, das sind die Fakten und die treiben ihn mehr und mehr in die Enge. Aber: Copy and paste. Kopieren und einfügen. Das ist doch alles nichts Neues. Wir leben schon lange in einer Zeit der Textbausteine und Clone.
Genau, findet die Frau. Sie spannt ihren Körper wieder an. Das wurde besonders deutlich in der Bundestagsdebatte. Die hab ich mir angesehen. Dieser CSU Clon, der schon geiferte, weil überhaupt Kritik am falschen Doktor geübt wurde. Für diesen CSU-Sack ist das alles “kein Stil”, “unverschämt” und “unverfroren”. Eben Textbausteine…
Der Mann setzt seine Brille ab: Moment, Moment, wenn wir von schablonenhaften Reden sprechen, das muss ich jetzt schon einmal sagen, dann sind mir die ganzen SPD- und Grünen- Clone noch widerwärtiger als sozusagen die alte Sorte politischer Lügner.
Der Mann setzt die Brille ab, setzt ohne Not seine bei der blonden Frau bereits gesammelten Pluspunkte aufs Spiel und fährt fort. Wenn ich den dicken Gabriel oder die Roth, das aufgeregte Huhn, nur sehe – oder den verkniffenen Steinmeier mit seinem Trittin – zu deren Textbausteinen “sozial”, “nachhaltig” und “sparen”, kommen jetzt sozusagen noch “unverschämt”, “Betrug” und “Rücktritt”. Und im Bundestag? Der dramatische Gestus ihrer Reden ist eine einzige verlogene Schmierenkomödie. Wer dem Trittin zuhört, sieht sozusagen den typischen, politischen Schreihals, den Westerwelle der Grünen.
Toll, denke ich, aber ein unangenehmer Zeitgenosse. Ich mische mich jetzt ein. Kein Wunder, sage ich, die Wähler des gut situierten Mittelstandes haben ihre neue, ökologisch nachhaltige FDP gefunden.
Bürger, die gut verdienen, gut leben und gut essen wollen, am besten mit rauchfreier Kneipe im eigenen Haus mitten in der Stadt, aber ohne Lärm und mit Vogelgezwitscher. Diese Partei und ihre Anhänger sind noch spießiger geworden als jeder Vertreter des alten bürgerlichen Lagers vor ihr.
Die Frau schaut spöttisch. Der Mann findet, das geht zu weit. Die Grünen sind doch immer noch eine Alternative.
Ich frage: Zu was? Zum Krieg? Zum sozialen Abstieg? Wer hat den das alles mit Schröder zusammen auf die Agenda gesetzt?
Der Mann lächelt süffisant, setzt die Brille wieder auf und schweigt.
Die Frau setzt sich zurecht: Zurück zu zu Guttenberg. Ich sehe einmal mehr das gesamte Repertoire. Guttenberg zieht seinen Kopf aus der Schlinge, wozu Sie ja alle Achtung sagen – sie schickt dem Cappucino-Mann einen entsprechenden Blick – und er tut das genau so wie alle Männer, denen es an den Kragen geht. Nur dass er nicht nur Minister, sondern auch Vorbild sein will. Was sollen denn Schülerinnen, was sollen Studenten davon halten? Stellen Sie sich das doch mal vor.
Da schreibt einer ab und wird erwischt, er stellt sich vor seinen Lehrer, zieht die Augenbrauen hoch, formuliert eine Entschuldigung und appelliert an die Moral des Lehrers und an die guten Sitten. Wenn der Lehrer trotzdem Konsequenzen ziehen will, wird er einfach mit Verachtung gestraft. Ich hab mich doch entschuldigt, fährt der Schüler den Lehrer an und wendet sich wichtigeren Aufgaben zu.
Der Mann lächelt: Das kann man so nicht vergleichen.
Die Frau blitzt den Mann an. Warum? Weil der Mann größere Aufgaben hat? Oder ein Adeliger ist? Die Haare der Frau geraten leicht in Bewegung.
Der Mann lächelt. Bevor der Faden zu reißen droht, komme ich schnell noch auf mein Lieblingsthema. Vom Allgemeinen zur Kulturpolitik Köln. Auch in Köln gab es diesen eitlen Politiker, sage ich, der am Doktor gescheitert ist. Der ehemalige kulturpolitische Sprecher der SPD Fraktion aber ist, nachdem der falsche Titel aufgeflogen war, zurück getreten. Na gut, er ist immer noch Strippenzieher in der Sparkassenstiftung und anderswo, er verhilft “seinem” Theater zu Fördergeldern, er mischt beim Theaterpreis mit, aber sonst…
Der Mann blickt auf die Uhr. Es sei spät, er müsse gehen.
Die Frau ordnet eine Haarsträhne und schließt sich an. Sie stehen beide auf. Sie haben noch ein Stück gemeinsamen Weg. Er hält ihr die Tür auf.
Ich hebe die Zeitung auf – der Sport – bestelle noch einen Kaffee und lese über den 1.FC Köln.
Ich blicke in Richtung Ausgang, sehe den Koch draußen stehen und denke: Gut. Er hatte doch keinen Doktor nötig. Der Podolski. Gut.
Ich blicke zurück auf ein Zeitungsbild von einer jubelnden Spielertraube um Prinz Poldi in rotweiß und wende mich wichtigeren Dingen zu.